„Bildungsabschlüsse fallen nicht vom Himmel. Da hilft es auch nicht „Bildung, Bildung, Bildung“ zu rufen.
Bildung braucht finanzielle Möglichkeiten, um sie zu erlangen und es braucht in Folge Arbeitsplätze. An beidem mangelt es.
Niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass Armut viel mehr ist, als wenig Geld zu haben. Armut in Kiel wie anderwo bedeutet vielfältige Benachteiligungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wohnen und Freizeit. Auch in Kiel wird die Kinderarmut auf die “Bildungsferne” oder andere Defizite (Sozialisations-, Kulturdefizite) der Betroffenen zurückgeführt.
Durch diese Schuldzuschreibung gerät die Verantwortung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft auch in Kiel völlig aus dem Blick.
In Kiel kündigt OB Albig “harte Zeiten” an und meint damit, dass nach seinem Willen im sozialen Bereich gestrichen werden soll. Gleichzeitig rückt er Bildung in den Vordergrund, als könne das automatisch verhindern, dass jemand arm wird.
Richtig ist sicher, dass Bildungsdefizite dazu führen, dass junge Menschen nach der Schule keinen Weg in den Arbeitsmarkt finden und die Armut in der Herkunftsfamilie spätestens in der Sekundarstufe erhebliche Bildungsdefizite nach sich ziehen
OB Albig verweist auf ein naturhaftes Geschehen wenn er sagt: “unser System reproduziert” sich selbst (siehe OB Albig KN 27.02.2010) und verschleiert damit, dass wir es hier über das Ergebnis der Allparteienallianz in Berlin und über das Ergebnis einer gewollten Politik sprechen und die Akteure in Kiel ebn diesen Parteien angehören.
Die aktuelle Ausgangsbedingung für 10000 arme Kieler Kinder ist, dass der Hartz IV Regelsatz den Bildungsbedarf von Kindern nicht abdeckt und das vor dem Hintergrund, dass die von Eltern zusätzlich privat getragenen Ausgaben für Nachhilfe schon 2005 um über 300 Millionen Euro gestiegen sind. 1)
Wenn OB Albig es also ernst meint mit seiner verkündeten Einsicht und das Unternehmen Kiel Sailing City mit dem Vorstandschef Albig die Verantwortung übernimmt, die es für die armen Kinder unserer Stadt hat müssen als erster Schritt die Kosten für den Bildungsbedarf gedeckt sind.
OB Albig wiederholt wie Politiker aller Parteien das Mantra von “Bildung, Bildung, Bildung” und will “massiv investieren …. um Wachstum zu erreichen.“
Er vermeidet damit vordergründig die “soziale Gerechtigkeit” als “Standortrisiko” im Kampf des Unternehmens Stadt Kiel um Investoren zu denunzieren, wird dann aber umso deutlicher, wenn er sagt, dass er “lieber Millionen investieren als für Sozialbeiträge ausgeben“ will (siehe OB Albig KN 27.02.2010).
Kinderarmut und in Folge Arbeitslosigkeit lassen sich nicht allein durch Bildung aufheben. OB Albig jedoch will lieber “in Infrastruktur und Wirtschaftsförderung“ investieren „um Wachstum zu erreichen“. Also die Politik fortsetzen, die erst zur wachsenden Kinderarmut geführt hat.
Floskelhafte und verschleiernde Bekenntnisse sind keine Lösung, um der wachsenden Spaltung in Kiel zu begegnen: Sailing City hier – Tafeln dort.
Es stellt sich die Frage, weshalb die Bedeutung des Geldes, dass in allen Lebensbereichen eine so große Rolle spielt, im Zusammenhang mit der Teilhabe von armen Kindern an Bildung gar nicht vorkommt und damit völlig ausgeblendet wird?
Um sich Nachhilfeunterricht leisten zu können, ins Kino zu gehen und sich in identitätsstiftenden Zusammenhängen ausserhalb des Armutghettos bewegen zu können, braucht man schlicht und ergeifend Geld!
Wenn OB Albig jetzt hartnäckig “Bildung, Bildung, Bildung“ ruft, ist das kein emanzipatorischer Slogan, sondern lediglich eine Ablenkung vom Unwillen auch aktuell Armut zu bekämpfen. Vor diesem Hintergrund ist „Bildung, Bildung, Bildung“ die Parole der Oberheuchler.
1) jeder vierte Schüler in Deutschland erhält bezahlten Nachhilfe-Unterricht. (Bundesministerium für Bildung und Forschung 21.08.2005)
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