Rede von Ratsfrau Zimmermann zum Tätigkeitsbericht der Frauenbeauftragten

18. März 2010

Rede zu TOP 9 der Kieler Ratsversammlung vom 18.3.2010
– Tätigkeitsbericht 2009 der Frauenbeauftragten (Drs. 0237/2010)

Sehr geehrte Stadtpräsidentin, meine Damen und Herren,

der vorliegende Tätigkeitsbericht der Frauenbeauftragten zeigt die Fülle der Aufgaben, die im letzten Jahr bearbeitet wurden. Sie hat sich zu frauenspezifischen Belangen in die Arbeit der Ratsversammlung und der Verwaltung eingebracht, Verwaltungsvorlagen auf ihre Auswirkungen für Frauen geprüft, bei Personal
entscheidungen mitgewirkt, Sprechstunden und Beratung angeboten, an Initiativen zur Verbesserung der Situation von Frauen in der Stadt mitgewirkt, mit gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen, Betrieben und Behörden zusammengearbeitet und Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Zunächst einmal ein großes Dankeschön an Frau Bergmann und ihr Team für die unermüdliche Arbeit im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit!

Beim Lesen des Berichts werden jedoch auch schnell die Missstände, Schwierigkeiten und vor allem die tiefe Verwurzelung der Problematik deutlich. Dazu ein paar Punkte im Einzelnen: Im Zuge der Umsetzung des Gender Mainstreaming ist es schön, dass sich das Dezernat III mit dem Thema eingehend auseinandergesetzt hat und sich der Innen- und Umweltausschuss jetzt durch einen ständigen TOP kontinuierlich mit Gender-Fragen beschäftigen will. Allerdings hat die Frauenbeauftragte insgesamt den Eindruck, dass weder Verwaltung noch Selbstverwaltung Gender Mainstreaming über die reinen Beschlüsse hinaus mit der notwendigen Konsequenz betreiben. Bei der Besetzung von Gremien greift die Willensbekundung zur Geschlechterparität nicht. Im Frauenförderplan lässt sich eine wirklich positive Veränderung auf allen Ebenen nicht feststellen.

Ein traditionelles Leitbild, was Führungspersönlichkeiten ausmacht und nicht-paritätische Besetzung der Auswahlgremien verhindern nach wie vor eine Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen. Es existiert nach wie vor eine “gläserne Decke” für Frauen oberhalb der Amtsleiterebene. Für die wichtige Querschnittsaufgabe des Gender mainstreaming wurden bisher weder Haushaltsmittel eingestellt, noch Fortbildungen angeboten, um für das Thema Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen zu sensibilisieren. Auch in der Vernetzung mit Kieler Frauen, Frauenorganisationen und anderen gesellschaftlichen Gruppen war die Frauenbeauftragte aktiv.

Schade ist, bei den Ergebnissen von Veranstaltungen zu sehen, dass es noch viel zu tun gibt. So zeigte sich z.B. in einem Workshop, dass Alleinerziehende zumeist gar kein existenzsicherndes Einkommen erwarten können, wie sehr sie sich auch bemühen mögen. Zum Fachtag “Aktive Vaterschaft und Unternehmenskultur zitiere ich aus dem Bericht: “…in dieser Veranstaltung kamen die TeilnehmerInnen zu dem Ergebnis, dass Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit innerhalb der bekannten Strukturen für beide Geschlechter nach wie vor ein Dilemma sei.”

Wenn wir hier wirklich etwas erreichen wollen, müssen wir uns von den Rollenstereotypen der Frau als Zuverdienerin und dem Mann als Vollzeit-Ernährer der Familie verabschieden. Ein wichtiger Schritt wäre eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit für alle.

Und noch ein Letztes aus dem Bericht:

Gut, dass die Frauenbeauftragte verhindern konnte, dass Ausschreibungen um den wichtigen Zusatz der beruflichen Förderung von Frauen gekürzt werden. Und traurig, dass die Umsetzung geschlechtergerechter Sprache auf Formularen der Landeshauptstadt Kiel rückläufig sind. Auch wenn es manchem lächerlich erscheint, ist die geschlechtergerechte Sprache wichtig, um die strukturelle Benachteiligung von Frauen aufzuheben. Form und Inhalt bedingen sich!

Es geht um die Auflösung jahrhundertealter Rollenbilder, die wir alle stark verinnerlicht haben. Wie leicht beurteilt man einen Mann danach, was er sagt und eine Frau danach, wie sie sich kleidet. Das ist Teil des strukturellen Problems, das trotz der in den letzten hundert Jahren errungenen Rechte immer noch eine Gleichstellung der Geschlechter verhindert. Wir befinden uns in einem Umdenkprozess für Frauen sowie für Männer.

Die Notwendigkeit einer Frauenbeauftragten ergibt sich aus der strukturellen Benachteiligung von Frauen – und zwar so lange bis beide Geschlechter die gleichen Chancen haben einen Beruf zu wählen, Funktionen auf allen Ebenen im Berufsleben auszuüben, Freizeit- und Familienleben zu pflegen, sich zu bilden, an gesellschaftlichen/politischen Entscheidungen mitzuwirken. Und ich meine Chancen frei von althergebrachten Rollenstereotypen und nicht Regelungen, die dann doch umgangen werden können. Darauf muss eine Frauenbeauftragte aufpassen.

Danke, Frau Bergmann !

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